ADHS im Kindes- und Jugendalter

ADHS im Kindes- und Jugendalter – wenn Unruhe, Ablenkbarkeit und Impulsivität den Alltag mitbestimmen
ADHS ist keine Folge von mangelnder Erziehung, fehlender Konsequenz oder fehlendem guten Willen.
Manche Kinder sind lebhaft, spontan und voller Energie. Sie wollen viel gleichzeitig, sind schnell begeistert und manchmal ebenso schnell wieder bei etwas anderem. Das allein ist noch nichts Ungewöhnliches.
Es gibt aber Kinder und Jugendliche, bei denen sich über längere Zeit zeigt, dass Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und innere oder äußere Unruhe deutlich stärker ausgeprägt sind als bei Gleichaltrigen. Dann wird der Alltag oft anstrengend – für das Kind selbst, aber auch für die Familie.
Eltern beschreiben dann häufig Situationen wie diese: Hausaufgaben ziehen sich endlos hin, obwohl das Kind eigentlich nicht unbegabt ist. Beim Anziehen, Packen oder Losgehen muss vieles mehrfach erinnert werden. Dinge werden vergessen, verlegt oder angefangen und nicht beendet. In Gesprächen wird dazwischengeplatzt, beim Spielen kommt es schneller zu Streit, und kleine Auslöser können plötzlich zu großen Konflikten führen.
Solche Situationen bedeuten nicht automatisch ADHS. Wenn sich dieses Muster aber über längere Zeit zeigt und in mehreren Lebensbereichen spürbar wird – zu Hause, in der Schule oder im Umgang mit anderen –, kann eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung vorliegen.
Was bedeutet ADHS eigentlich?
ADHS betrifft vor allem drei Bereiche:
- Aufmerksamkeit – also die Fähigkeit, bei einer Sache zu bleiben
- Impulssteuerung – also innezuhalten, bevor man handelt oder spricht
- Aktivitätsregulation – also das Maß an innerer oder äußerer Unruhe
Nicht jedes Kind mit ADHS ist gleich. Manche fallen vor allem durch starke Unruhe und Impulsivität auf. Andere wirken eher verträumt, verlieren sich in Gedanken, vergessen vieles und kommen nur schwer ins Dranbleiben.
Gerade deshalb wird ADHS manchmal spät erkannt – besonders dann, wenn nicht die Unruhe, sondern eher Ablenkbarkeit, Desorganisation oder innere Überforderung im Vordergrund stehen.
Wie zeigt sich ADHS im Alltag?
ADHS zeigt sich oft nicht in einer einzigen großen Auffälligkeit, sondern in vielen kleinen, wiederkehrenden Situationen. Häufig berichten Eltern über:
- schnelle Ablenkbarkeit
- Schwierigkeiten, Aufgaben zu Ende zu bringen
- häufiges Vergessen oder Verlieren von Dingen
- Probleme, Anweisungen umzusetzen
- impulsive Reaktionen
- motorische Unruhe oder das Gefühl, ständig „unter Strom“ zu sein
- Frustration bei Anforderungen
- Konflikte in Schule, Familie oder mit Gleichaltrigen
Bei Jugendlichen verändert sich das Bild oft etwas. Die äußerlich sichtbare Unruhe nimmt manchmal ab, während innere Unruhe, Probleme mit Struktur, Aufschieben, Vergesslichkeit oder emotionale Gereiztheit stärker in den Vordergrund treten.
Wie entsteht ADHS?
Nach heutigem Verständnis entsteht ADHS nicht durch einen einzelnen Auslöser. Vielmehr wirken verschiedene Faktoren zusammen.
Dazu gehören:
- eine genetische Veranlagung
- Besonderheiten in der Regulation von Aufmerksamkeit und Impulsen
- individuelle Entwicklungsbedingungen
- Belastungen im Alltag, die die Schwierigkeiten zusätzlich verstärken können
Wichtig ist: ADHS ist keine Folge von mangelnder Erziehung, fehlender Konsequenz oder fehlendem guten Willen.
Wie wird ADHS festgestellt?
Eine gute Diagnostik braucht Zeit und einen genauen Blick. Es geht nicht darum, vorschnell ein Etikett zu vergeben, sondern darum, ein Kind oder einen Jugendlichen wirklich zu verstehen.
Dazu gehören in der Regel:
- ein ausführliches Gespräch mit Eltern und Kind bzw. Jugendlichen
- eine genaue Entwicklungs- und Alltagsanamnese
- Informationen aus verschiedenen Lebensbereichen, insbesondere aus der Schule
- standardisierte Fragebögen
- eine fachliche klinische Einschätzung
- Verhaltensbeobachtungen
- eine körperliche Untersuchung, um andere Ursachen oder begleitende Faktoren mitzudenken
- je nach Fragestellung auch Konzentrations- und Aufmerksamkeitstests
- sowie – wenn es fachlich sinnvoll ist – eine Intelligenzdiagnostik oder weitere Testverfahren, um das Gesamtbild besser einordnen zu können
Gerade die differenzierte Diagnostik ist wichtig, weil auch andere Themen ähnlich aussehen können, zum Beispiel Ängste, depressive Belastungen, schulische Überforderung, Lernstörungen oder emotionale Belastungssituationen.
Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es?
Die Behandlung richtet sich immer nach der individuellen Situation und besteht meist aus mehreren Bausteinen.
Mögliche Elemente sind:
- Beratung und verständliche Aufklärung für Eltern, Kind und Jugendliche
- Elterntraining oder Elternberatung
- psychotherapeutische Unterstützung, häufig mit verhaltenstherapeutischen Elementen
- Hilfen zur Strukturierung des Alltags
- Zusammenarbeit mit Schule oder anderen Bezugspersonen
- Förderung von Selbststeuerung und Emotionsregulation
- in bestimmten Fällen auch eine medikamentöse Behandlung
Medikamente sind nicht bei jedem Kind erforderlich. Wenn sie eingesetzt werden, erfolgt dies nach sorgfältiger Diagnostik, klarer Indikation und unter fachärztlicher Begleitung.
Was oft schon im Alltag hilft
Viele Kinder und Jugendliche mit ADHS profitieren von:
- klaren, verlässlichen Strukturen
- einfachen und überschaubaren Schritten
- festen Abläufen
- kurzen, klaren Anweisungen
- realistischen Erwartungen
- einem Blick auf das, was schon gelingt
Nicht alles wird sofort leichter. Aber häufig entsteht bereits dann Entlastung, wenn Schwierigkeiten nicht mehr nur als „Ungehorsam“ oder „Faulheit“ verstanden werden, sondern als etwas, das genauer angeschaut und passend begleitet werden sollte.
Fazit
ADHS ist mehr als bloße Unruhe oder ein Konzentrationsproblem. Es geht um eine Art, wie Aufmerksamkeit, Impulse und Aktivität gesteuert werden – und darum, welche Folgen das im Alltag haben kann.
Für viele Familien ist es entlastend, wenn aus ständigen Konflikten langsam ein besseres Verstehen wird. Genau darum geht es letztlich: nicht darum, ein Kind in eine Schublade zu stecken, sondern darum, zu erkennen, was es braucht, um besser zurechtzukommen und seine Stärken entwickeln zu können.
Dr. medic Bogdan Gauca
Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
Nova Zentrum für psychische Gesundheit, Frankfurt
Hilfreiche Links und Anlaufstellen
Informieren
ADHS-Infoportal
Unabhängige, wissenschaftlich fundierte Informationen für Eltern, Jugendliche und Betroffene.https://www.adhs.info/
gesund.bund – ADHS
Offizielle Informationen des Bundes zu Symptomen, Ursachen und Behandlung.https://gesund.bund.de/adhs
Gesundheitsinformation.de – Was kann Kindern und Jugendlichen mit ADHS helfen?
Gut verständliche, evidenzbasierte Informationen zu Behandlung und Hilfen im Alltag.https://www.gesundheitsinformation.de/was-kann-kindern-und-jugendlichen-mit-adhs-helfen.html
Fachlich vertiefen
AWMF-Leitlinie ADHS
Offizielle S3-Leitlinie; derzeit in Überarbeitung.https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-045
Regionale Hilfen und Austausch
Zentrales ADHS-Netz
Hilfreich für regionale Versorgungsangebote und weitere Ansprechpartner.https://www.zentrales-adhs-netz.de/
ADHS Deutschland e. V. – Telefonberatung
Selbsthilfe, Austausch und Telefonberatung für Eltern und Betroffene.https://adhs-deutschland.de/unser-angebot/kontakttelefonberatung
Bundesgeschäftsstelle: 030 85605902
Telefonberatung Hessen: 05684 1659
Hilfe und Kontakt
116117 – Terminservice für Facharzt und Psychotherapiehttps://www.116117.de/de/psychotherapie.php
Telefon: 116117
Nummer gegen Kummer
Für Kinder, Jugendliche und Eltern – anonym und kostenlos.https://www.nummergegenkummer.de/
Kinder- und Jugendtelefon: 116 111
Kinder- und Jugendtelefon: Montag bis Samstag 14:00–20:00 Uhr
Elterntelefon: 0800 111 0550
Elterntelefon: Montag bis Freitag 9:00–17:00 Uhr, Dienstag und Donnerstag bis 19:00 Uhr
TelefonSeelsorge
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Im Notfall in Frankfurt:
Wenn Ihr Kind bereits im Nova Zentrum bekannt ist und die Praxis geöffnet hat:https://www.nova-zentrum.de/
Telefon Nova Zentrum: 069 7000 11
Außerhalb der Öffnungszeiten oder wenn noch keine Anbindung besteht:
Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Universitätsmedizin Frankfurthttps://www.unimedizin-ffm.de/einrichtungen/kliniken/zentrum-fuer-psychische-gesundheit/psychiatrie-psychosomatik-und-psychotherapie-des-kindes-und-jugendalters/notfaelle
Telefon: 069 6301 5923
Lebensbedrohliche Situation:
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